
Ein Text von Von Nadjeschda Orlowa – Zuerst erschienen in Тропинка 5, 2017 г. Es ist eine Kurzbiographie die für Junges Publikum erstellt wurde.
Ein kurzer Umriss über das Leben eines russischer Evangelisten – über einen Mann, dessen ganzes Leben dem Dienst für den Herrn gewidmet war.
Sechsundsechzig Jahre – ist das viel oder wenig? Die Antwort darauf hängt vom Standpunkt ab: Für Kinder und junge Menschen erscheint es wie eine Ewigkeit. Wer um die vierzig ist, empfindet 66 Jahre nicht mehr als besonders lang. Und wer selbst dieses Alter erreicht oder überschritten hat, würde sagen: Das ist doch noch kein Alter.
Genau so lange lebte Iwan Stepanowitsch Prochanow – ein russischer Evangelist, der sein ganzes Leben dem Dienst für Gott weihte. Keine hundert Jahre, keine achtzig – und doch hat er in dieser Zeit mehr bewegt und durchlebt als manch einer, der weitaus älter wurde.

Geboren wurde Iwan Prochanow im nordkaukasischen Wladikawkas, als Sohn gläubiger Eltern. Sein Vater war ein wohlhabender Landwirt, doch einfach war das Leben der Familie nicht. Die zaristische Regierung verfolgte alle, die nicht der offiziellen Orthodoxen Kirche angehörten – und die Familie Prochanow war Teil einer evangelischen Gemeinde.
Der kleine Wanja wuchs mit der Bibel auf, besuchte regelmäßig Gottesdienste und wurde so schon früh geistlich geprägt. Mit siebzehn Jahren ließ er sich taufen und begann, selbst Kinder in der Sonntagsschule zu unterrichten.

Nach dem Abschluss der Schule in seiner Heimatstadt zog es ihn zum Studium nach Sankt Petersburg – dem damaligen Zentrum der russischen Politik und Kultur. Die Hauptstadt des Reiches stand am Rande revolutionärer Umbrüche und bevorstehender Kriege.
Als Student engagierte sich Prochanow aktiv in der evangelischen Bewegung: Er predigte in Hausgemeinden, verteilte Evangelien unter den Arbeitern und nahm an Jugendkonferenzen teil. Bald geriet er ins Visier der Behörden. Um einer Verhaftung zu entgehen, floh er nach England, wo er am theologischen College in Bristol studierte. Dort entfalteten sich auch seine dichterischen und musikalischen Gaben in vollem Umfang.
Nach seiner Rückkehr nach Russland im Jahr 1901 begann Prochanow mit der Herausgabe christlicher Zeitungen und Zeitschriften – darunter die bekannte Zeitschrift Христианин (dt. der Christ), die von 1906 bis 1928 erschien. Er verfasste geistliche Lieder – sowohl Text als auch Melodie –, veröffentlichte Bücher und half verfolgten Glaubensgeschwistern auch juristisch.

Im Jahr 1902 erschien sein erster geistlicher Liederband mit dem Titel Die Psalterharfe (Die Bedeutung des russischen Liederbuches Гусли kann für den russischsprachigen erwecklichen Gesang nicht ermessen werden). In den folgenden Jahren veröffentlichte er weitere Sammlungen geistlicher Poesie und Lieder – mit Werken russischer und internationaler Autoren. Viele dieser Lieder fanden Eingang in das Gesangbuch Lied der Erneuerung, das bis heute in evangelikalen Gemeinden in Russland nicht wegzudenken ist.
Insgesamt verfasste Prochanow über 600 geistliche Gedichte.
1909 war er maßgeblich an der Gründung des „Allrussischen Bundes Evangelischer Christen“ beteiligt – einer Organisation, die viele kleine Gruppen und Gemeinden im ganzen Land für den gemeinsamen Dienst zusammenbrachte. Prochanow wurde zum Präsidenten des Bundes gewählt. Zwei Jahre später nahm er bereits an der Arbeit eines internationalen evangelischen Bundes teil.
Der Evangelische Bund entsandte Missionare bis in die entlegensten Gebiete Russlands – sogar in den Hohen Norden. Bald zählte die Bewegung über 600 Mitarbeiter. Auch im sozialen Bereich engagierten sich die Christen stark: Sie unterstützten Arme, Kranke und Gefangene.
Prochanow erkannte früh den Wert einer soliden Ausbildung. Auf seine Initiative hin wurden 1913 erste Bibelkurse für Prediger eingerichtet – der Anfang der protestantischen theologischen Ausbildung in Russland.

Nach der Revolution von 1917 genossen Gläubige eine kurze Phase der Religionsfreiheit. Doch bereits 1923 wurde Prochanow verhaftet – wegen seiner pazifistischen Haltung und seines Aufrufs zur Verweigerung jeglicher militärischer Beteiligung. Das politische System hatte sich verändert, aber die Feindschaft gegenüber dem Glauben war geblieben.

Die Lage verschärfte sich zusehends: Der Staat setzte nun auf aggressiven Atheismus. Kirchen wurden geschlossen und enteignet, Prediger inhaftiert, die Verbreitung des Evangeliums verboten und Gläubige systematisch verfolgt. 1928 reiste Prochanow ins Ausland – mit der Absicht, bald zurückzukehren. Doch bald wurde klar: Eine Rückkehr nach Russland bedeutete sichere Verhaftung.
So traf Prochanow die schwere Entscheidung, im Exil zu bleiben. Die letzten sieben Jahre seines Lebens verbrachte er im Ausland. Er blieb schriftstellerisch tätig, arbeitete im „Weltbund Evangelischer Christen“ mit und unterstützte die Missionsgesellschaft „Licht im Osten“.
Am 6. Oktober 1935 starb Iwan Stepanowitsch Prochanow in Berlin.
Sechsundsechzig Jahre – voller Hingabe, Glaubensmut und schöpferischer Kraft. Wer mehr über dieses beeindruckende Leben erfahren möchte, dem sei Prochanows autobiografisches Werk Im Kessel Russlands (В котле России – auf russisch konstenfrei erhältlich, deutschsprachige Übersetzung in der Erstellung) empfohlen, das er in seinen letzten Lebensjahren verfasste.
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